Wir haben mit Frau Mag. Rosa Oblak und Mag. Lisa Mißmann, zwei erfahrenen Juristinnen, gesprochen. Sie erzählen uns, wie sie sich auf eine Aufnahmeprüfung vorbereiten würden und was sie StudienanfängerInnen für einen guten Start raten würden. Außerdem teilen sie ihre Erfahrungen als Jus-Studentinnen und verraten uns was sie heute anders machen würden und ob sie noch einmal Jus studieren würden.

Seit heuer finden erstmals Aufnahmetests für das Studium der Rechtswissenschaften bzw Wirtschaftsrecht statt. An der Universität Wien werden Fachwissen, Textverständnis und die kognitiven Fähigkeiten abgefragt. An der Wirtschaftsuniversität Wien besteht der Test aus einem Fachwissens- und einem Sprachkompetenzteil. Wie würdet ihr euch auf einen Aufnahmetest vorbereiten?

Mag. Oblak: Für die Vorbereitung auf einen Test ist es immer gut, sich vorher einen Plan zu machen und sich anzuschauen, welche einzelnen Punkte für die Prüfung relevant sind. Ein grobes Zeitmanagement sollte man auch auf die Reihe bekommen. In Bezug auf den Inhalt würde ich schauen, ob es Unterlagen gibt, mit denen man sich bestmöglich auf den Test vorbereiten kann. Die Aneignung von Fachwissen ist sehr individuell und typabhängig. Ich persönlich lese mir die Unterlagen – sofern genügend Zeit vorhanden ist – zuerst einmal durch, um einen Überblick zu bekommen und wiederhole den Stoff dann noch einmal beim Durchlesen.

Mag. Mißmann: Ich lese mir den Stoff zuerst durch und schreibe dabei die wichtigsten Punkte schlagwortmäßig heraus. Dann versuche ich mir alles laut vorzusagen. Aber gut ist, wenn man das Gelernte mit jemanden oder in einer Gruppe durchspricht und so feststellt, ob man es verstanden hat. Wichtig ist, die Dinge nicht nur auswendig zu lernen, sondern selbst durchzudenken und zu hinterfragen, ob das für einen schlüssig ist. So verfestigt sich der Stoff am besten. Es ist immer etwas anderes, wenn man etwas laut aufsagt bzw Dinge erklären muss, als sie nur im Kopf durchzudenken.

Mag. Oblak: Auf Logiktests bzw Intelligenztests kann man sich gut vorbereiten. Man muss das halt üben, hierfür braucht man einen Behelf, Logikbücher, Probetests oder auch Vorbereitungskurse. Aber je öfter man das macht, desto eher durchschaut man das.

Im Teil 2 des Aufnahmetests an der Universität Wien geht es um Textverständnis. In einer der veröffentlichen Beispielaufgaben werden zum Paragraphen der Enteignung einige Verständnisfragen gestellt. Habt ihr Tipps, wie man Paragraphen liest, besonders wenn sie sehr umfangreich sind?

Mag. Mißmann: Also ich lese die Bestimmung zuerst vom ersten bis zum letzten Wort durch und dann muss man schauen, was konkret zu einem Problem passt. Hierzu drösle ich den Paragraphen auf.

Mag. Oblak: Man sollte versuchen den Paragraphen aufs Wichtigste runterzubrechen, herausfinden, was der Hauptsatz in seiner kürzesten Form ist und die einzelnen Nebensätze und Zwischensätze erstmal weglassen und dann wieder ergänzend hinzufügen.

Mag. Mißmann: Jedes einzelne Wort in einer Bestimmung ist wichtig, es gibt Kleinigkeiten, die die gesamten Bedeutung wesentlich verändern können. Aber mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür. Ob da ein „können“, „sollen“ oder „müssen“ steht ist sehr wichtig. Aber auch da gilt die Devise, dass Übung den Meister macht.

Was macht ihr, wenn ihr einen Paragraphen nicht versteht? Kommt das vor?

Mag. Oblak: Ja, man schaut dann in der Literatur nach oder geht die erläuternden Bemerkungen durch. Oder aber ich starte eine Rechtsfindung durch eine Umfrage in der Kanzlei und frage „Wie würdet ihr das so sehen?“.

Mag. Mißmann: Ich recherchiere, auch der Austausch ist wichtig, aber den hab ich in meiner derzeitigen Position leider nicht.

Als JuristIn muss man viel lesen und sich mit den unterschiedlichsten Rechtsthemen auseinandersetzen und vertraut machen. Wer sollte Jus studieren?

Mag. Mißmann: Es ist gut, wenn man gerne an Sachen herumtüftelt, sich gerne Lösungen überlegt. Man kann sich einen Rechtsfall wie ein Rätsel vorstellen, das man lösen muss. Bei Juristen sagt man zwar immer, dass das ein fader Beruf ist, das stimmt aber nicht, eine gewisse Kreativität ist auf jeden Fall auch ganz wichtig.

Mag. Oblak: Und Sitzfleisch muss man haben, während Lernzeiten im Studium, aber auch in der Kanzlei muss man oft länger sitzen. Wenn man das nicht kann, dann tut man sich sehr schwer. Aber von den schulischen Leistungen kann man das nicht abhängig machen, ein gewisses Interesse für das Recht muss jedoch schon vorhanden sein.

Mag. Mißmann: Und Genauigkeit ist auch ganz wichtig. Man muss sich intensiv mit den verschiedensten Dingen beschäftigen wollen.

Was ratet ihr einem/einer StudienanfängerIn? Auf was muss man sich einstellen, wenn man Jus studieren will?

Mag. Oblak: Das Unileben, das du auf einmal hast, das ist natürlich ganz anders als die Zeit in der Schule. Sich mit dem Unileben erstmal zurechtfinden, ist schon eine Herausforderung, weil man plötzlich ganz selbstständig ist. Im Nachhinein kann ich sagen, dass der Studienplan der Universität Wien für den Einstieg in das Studentenleben ganz gut war. In der Schule hab ich mir sehr leicht getan, aber das Lernen an der Universität war ganz anders als in der Schule. Am Anfang des Studiums hab ich mehr auswendig gelernt, statt es zu verstehen. Das war dann eine Umstellung, denn mit nur Auswendiglernen kommst du im Studium nicht weit.

Mag Mißmann: Für mich war der Einstieg relativ einfach. Wir hatten an der Universität Graz Einführungsvorlesungen zu den unterschiedlichen Themen. Das war super, um einen Überblick zu bekommen. Diese Zeit kann man vielleicht noch am ehesten mit der Schulzeit vergleichen. Das Lernen ist vom Umfang her vergleichbar mit dem Lernen, das man noch von der Matura kennt. Bei den großen Fachprüfungen kommt es dann auf das Verständnis an. Die großen Prüfungen sind vom Umfang her ganz anders. Da funktioniert das genaue schulische Lernen nicht mehr, weil der Umfang einfach zu groß.

Und wie seid ihr damit umgegangen?

Mag Mißmann: Ich habe immer viel zusammengefasst und versucht den Inhalt zu verstehen und versucht möglichst aufs Auswendiglernen zu verzichten. Nur Auswendiglernen wäre auch unmöglich, weil die Stoffmenge einfach zu groß ist. Aber natürlich kommt man nicht drum herum manche Dinge auswendig zu lernen, besonders weil vieles am Anfang ganz neu ist.

Mag. Oblak: Wenn Zeit war, dann hab ich mir einmal einen Überblick über das Thema gemacht. Ein Tipp ist, sich das Inhaltsverzeichnis anzuschauen und dann so lernen, dass man zu jedem Punkt im Inhaltsverzeichnis etwas sagen kann. Und das Wissen kann man dann ja – je nach verfügbarer Zeit – vertiefen und ausweiten.

Mag Mißmann: Das stimmt, am Anfang macht es Sinn, sich nicht zu tief in die Themen einzulesen, sondern sich erstmal einen groben Überblick zu verschaffen.

Was lernt man in einem Jusstudium? Was lernt man nicht?

Mag Mißmann: Um die Praxisbezogenheit muss man sich selbst kümmern. Bei ZGV (Zivilgerichtliches Verfahren) zum Beispiel war das besonders schwierig, weil das so theoretisch war, dass man sich das gar nicht so für die Praxis vorstellen hat können.

Mag. Oblak: Ja, das finde ich auch. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass der Gerichtsvollzieher derjenige ist, der dafür sorgt, dass die Schulden eingetrieben werden und das Geld aus der Tasche des Schuldners nimmt, dann hätte ich eine Vorstellung gehabt. Aber unter „Fahrnisexekution“ alleine konnte ich mir nichts vorstellen.

Und was lernt man?

Mag. Oblak: Ich glaub man lernt, und das kann ein Nichtjurist nicht, wo man nachschaut. Also wie und wo man Gesetze, Literatur, Rechtsprechung etc findet. Das ist schon sehr viel wert.

Mag Mißmann: Man lernt, wie man selbstständig an neue Fragestellungen herangeht und wie man dann zu Lösungen kommt.

Mag. Oblak: Ja, man lernt, wie man die richtige Frage stellt und wie man dann dazu die Lösung findet. Das fällt auch im Kontakt mit Mandaten auf, die erzählen sehr viel, aber wissen oftmals nicht, auf welche Fragen es ankommt. Nichtjuristen tun sich da naturgemäß schwerer.

Wie zeitintensiv ist das Jus-Studium?

Mag. Oblak: Das Studium ist phasenweise natürlich intensiv und zeitaufwendig, vor allem vor Prüfungen, aber dann phasenweise gar nicht. Mir hat das gefallen, in Vorlesungen zu gehen, die lässt man dann auf sich wirken und danach muss man sich halt hinsetzen.

Mag Mißmann: Man muss sich die Zeit auf alle Fälle gut einteilen. Das gilt aber für jeden Studenten. Ein gutes Zeitmanagement ist wichtig. Ich hab relativ lang studiert, weil ich nebenbei immer viel gearbeitet habe. Ich habe dann aber 5 Fachprüfungen in 6 Monaten absolviert. Die meiste Zeit habe ich es eigentlich relativ gemütlich gehabt. Wie intensiv das Ganze ist, hängt auch sehr stark vom Fachgebiet ab. Es gibt im juristischen Bereich die verschiedensten Richtungen und jedem liegt etwas anderes. Für manche war Strafrecht die allergrößte Herausforderung. Ich hab Strafrecht aber voll gern gehabt, das war ein so logisch und strukturierter Aufbau.

Mag. Oblak: Strafrecht war nie so wirklich mein Fall. Wie gesagt, war es am Anfang für mich schon ein bisschen schwieriger, aber dann ist es immer besser gelaufen. Nach meinem Auslandssemester in Paris hab ich Gas gegeben und eine Prüfung nach der anderen absolviert, weil es dann auch genug war mit dem Studieren.

Gibt es etwas, das euch nicht so gut gefiel?

Mag. Oblak: Ich hätte gerne von Anfang an eine Lerngruppe gehabt, mit der man sich austauschen kann. Aber das war bei so vielen StudentInnen schwer, da man immer irgendwie zusammengewürfelt wurde. Ab der Mitte des Studiums hatte ich meine Lerngruppen und zusätzlich auch neue Freundschaften geknüpft.

Mag Mißmann: Ich hatte schon meine fixe Lernrunde, mit der ich gemeinsam Prüfungen gemacht hab. Aber was mir im Nachhinein total gefehlt hat, war, dass es immer ein reiner Frontalunterricht oder Vortrag war. Ich finde für JuristInnen ist es wichtig, wie man sich ausdrückt. Ich habe im gesamten Studium genau 2 Referate gehalten und das ist viel zu wenig. Das hätte ich mir im Nachhinein anders gewünscht. Und das zweite ist, dass ich im Nachhinein während des Studiums schon im juristischen Bereich arbeiten würde.

Worauf führt ihr euren Erfolg im Studium zurück?

Mag. Oblak: Auf jeden Fall auf meine Ausdauer was das Lernen anbelangt. Ich kann mich gut einsperren und an Sachen dran bleiben. Ich habe aber Gott sei Dank immer wen gehabt, der mich rausgeholt hat aus meiner Lernhöhle. Und dass ich mir die Zeit gut einteilen kann, halbwegs einen Überblick über das Ganze hatte. Wenn man keinen Überblick hat, muss man sich wo anders Hilfe holen (bei der Fachvertretung oder bei Freunden). Die Unterstützung von meiner Familie und Freunden war auch ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Mag Mißmann: Eine schwere Frage. Für mich war Jus jetzt nicht unbedingt das Traumstudium. Normalerweise sollte man sagen, dass ich mich sehr dafür interessiert habe, deshalb habe ich das auch so gern gelernt. Das war es aber nicht. Eigentlich war es mein Durchhaltevermögen. Am Ende war es das, dass ich es fertig machen wollte. Und die Motivation, dass man am Ende des Studiums etwas damit machen kann.

Worauf führt ihr euren Erfolg im Berufsleben zurück?

Mag. Oblak: Dass ich mich in der Kanzlei wohlfühle, das finde ich ganz wichtig, dass die Atmosphäre passt. Man verbringt doch sehr viel Zeit dort. Und dass ich mit vielen Gebieten in Kontakt komme und nicht nur ein Spezialgebiet habe. Wichtig ist mir die Abwechslung, dass immer wieder etwas Neues dabei ist.

Mag Mißmann: Dass ich das Gefühl habe, dass ich jetzt zur Zeit genau am richtigen Platz bin. Dass es so viele unterschiedliche Themen gibt, die immer wieder auftauchen und ich mich dafür begeistere. Deswegen läuft es gerade auch sehr gut. Ich find das was ich gerade mache spannend und bin glücklich und zufrieden damit.

Was macht ein/e guter JuristIn aus?

Mag. Oblak: Genauigkeit

Mag Mißmann: Eine gute Kombinationsfähigkeit. Eine gewisse Struktur in seiner Denkweise.

Mag. Oblak: Und mit Menschen gut umgehen können, wobei es auch Juristenjobs gibt, in welchen man mit Menschen nicht so viel zu tun hat. Aber als Anwalt muss man natürlich mit Mandaten gut umgehen können.

Wie schätzt du die Berufschancen als JuristIn ein?

Mag Mißmann: Es kommt immer drauf an was man machen will. Aber wenn man sich nicht auf einen eingeschränkten Bereich versteift, gibt es sehr viele und vielfältige Möglichkeiten.

Mag. Oblak: Auch in Kanzleien gibt es immer Möglichkeiten. Man muss nur offen sein für Rechtsgebiete, dann bekommt man auch einen Job.

Mag Mißmann: Man kann in Kanzlei gehen, man kann in die unterschiedlichsten Unternehmen gehen, Organisationen. Grundsätzlich würd ich sagen, dass es eher gute Jobchancen gibt.

Würdest du noch einmal Jus studieren?

Mag. Oblak: (Zögert) Ich zögere jetzt nicht, weil ich es so fürchterlich fand, sondern weil man eher mitbekommt, welche anderen Möglichkeiten es sonst so gibt. Aber ich glaub grundsätzlich schon.

Mag Mißmann: Ich weiß es nicht. Ich finde mit 18 hat man keine Vorstellung davon, wo man dann mit der Entscheidung die man da trifft, irgendwann mal landen möchte oder könnte. Ich hätte die Frage bis vor Kurzem mit nein beantwortet. Aber jetzt habe ich das Gefühl, dass ich meine Nische gefunden habe, in der ich mich sehr wohlfühle und deshalb würd ich jetzt ja sagen. Es ist ja so, dass es so viele verschiedene Richtungen gibt, da dauert es vielleicht ein bisschen, bis man dort ankommt, wo es wirklich passt. Also man muss bestimmt unterschiedliche Sachen ausprobieren.

Mag. Oblak: Ich hab auch das Gefühl, dass Jus mich genau dahin bringt, wo ich hinwill. Zur Zeit bin ich jedenfalls sehr glücklich in meiner Position. Ja, ich würde es auch nochmal studieren.

Frau Mag. Rosa Oblak hat in Wien und Paris Rechtswissenschaften studiert und daran das Gerichtspraktikum angeschlossen. Seit 4,5 Jahren ist sie in der Kanzlei Gassauer-Fleissner Rechtsanwälte GmbH als Rechtsanwaltsanwärterin tätig. Im Jahr 2018 absolvierte sie die Rechtsanwaltsprüfung und steht nun kurz vor der Eintragung als Rechtsanwältin.

Frau Mag. Lisa Mißmann hat in Graz Rechtswissenschaften studiert, ist nach dem Studium für das Gerichtspraktikum nach Wien gezogen. Sie war als Juristin im Gesundheitsministerium und in der Ärztekammer tätig und arbeitet seit Beginn des Jahres 2019 in der Akademie der Wissenschaften als Arbeitsrechtsjuristin.